In einer gewohnt harmonischen, aber diesmal von historischer Schwere geprägten Atmosphäre konnte der Vorsitzende des Prandellotisches, Volker Busse über 40 Gäste zum monatlichen Treffen begrüßen. Im Mittelpunkt des Abends stand ein fesselnder Vortrag des Vorsitzenden der LESE, Dr. Klaus Meyer-Teschendorf mit dem Titel: „Die Sklavenfrage im 1. Jhdt. der USA / Teil 1: Von den Gründervätern bis zur Sezession der Südstaaten“.
Das Paradoxon der Freiheit
Dr. Meyer-Teschendorf begann seine Ausführungen mit dem fundamentalen Widerspruch, auf dem die Vereinigten Staaten gegründet wurden. Während die Unabhängigkeitserklärung von 1776 feierlich proklamierte, dass „alle Menschen gleich erschaffen sind“, lebten zur Zeit der Verfassungsgebung bereits rund eine halbe Million versklavte Menschen in den jungen Staaten. Die Gründerväter, darunter George Washington und Thomas Jefferson, waren selbst Sklavenhalter und hinterließen der Nation ein Erbe, das Meyer-Teschendorf als „zerbrochene Republik“ beschrieb – unfähig, den moralischen Anspruch mit der ökonomischen Realität des Südens zu vereinen.
Die Eskalation der Fronten und der Einfluss der Literatur
Ein besonderer Akzent des Vortrags lag auf dem wachsenden kulturellen und moralischen Graben zwischen Norden und Süden. Hierbei hob der Referent die immense Bedeutung von Harriet Beecher Stowes Roman „Onkel Toms Hütte“ (1852) hervor. Das Werk wirkte wie ein politisches Erdbeben: Es gab den namenlosen Opfern der Sklaverei ein Gesicht und rüttelte das Gewissen des Nordens wach, während es im Süden als infame Propaganda verdammt wurde. Es wird überliefert, dass Abraham Lincoln Stowe Jahre später mit den Worten begrüßte: „Sie sind also die kleine Frau, die diesen großen Krieg verursacht hat.“
Politische Schachzüge und juristische Fehlurteile
Der Vortrag beleuchtete zudem das verzweifelte Ringen um das politische Gleichgewicht im Senat. Da der Norden durch die Einwanderung aus Europa bevölkerungsmäßig explodierte, klammerte sich der Süden an die paritätische Vertretung der Bundesstaaten. Meyer-Teschendorf schilderte eindringlich, wie jeder neue Staat (wie Illinois oder Alabama) zum Schauplatz eines ideologischen Tauziehens wurde.
Einen Tiefpunkt dieser Entwicklung markierte das Dred-Scott-Urteil von 1857, in dem der Supreme Court Sklaven lediglich als „Eigentum“ qualifizierte und ihnen jegliche Bürgerrechte absprach. Eine Entscheidung, die – so der Referent – die Debatte nicht beendete, sondern den Weg in den Krieg ebnete.
Abraham Lincoln: Der „Funke am Pulverfass“
Den krönenden Abschluss bildete die Analyse der Wahl Abraham Lincolns im Jahr 1860. Meyer - Teschendorf verdeutlicht die Radikalität dieser Zeit: In den meisten Südstaaten stand Lincolns Name nicht einmal auf dem Stimmzettel; dort galt er als der verhasste „Nigger-Freund“:
„Lincolns Wahl ist der Funke, der ein über Jahrzehnte gewachsenes Hasspotential explodieren lässt.“
Noch vor seiner offiziellen Amtseinführung am 4. März 1861 waren bereits sieben Staaten aus der Union ausgetreten. In seiner Antrittsrede versuchte Lincoln verzweifelt, die Nation zusammenzuhalten, was Meyer-Teschendorf mit einem der bewegendsten Zitate seinen Vortrag schloss:
„In Ihren Händen, meine unzufriedenen Landsleute, nicht in meiner liegt die folgenschwere Entscheidung des Bürgerkriegs. Wir sind nicht Feinde, sondern Freunde... Wir dürfen nicht zu Feinden werden.“
Fazit
Der Abend endete mit einem tiefen Einblick in eine Zeit, in der das Schicksal einer Weltmacht an der Frage von Freiheit und Menschenwürde hing. Die Gäste dankten Dr. Meyer-Teschendorf mit langanhaltendem Applaus für diesen fundierten ersten Teil seiner Vortragsreihe, der die Vorfreude auf die Fortsetzung sichtlich steigerte. (de)
