Nachdem sich Klaus Meyer-Teschendorf Anfang des Jahres im ersten Teil seiner Ausführungen mit der Sklavenfrage von den Gründervätern bis zur Sezession beschäftigt hatte, folgte nun vor dem Pirandellotisch der mit Spannung erwartete zweite Teil: „Bürgerkrieg und Sklavenbefreiung – die große Ernüchterung danach“. Nach einer herzlichen Begrüßung durch den Tischvorsitzenden Volker Busse nahm der Referent die Zuhörer mit auf eine tiefgründige historische Analyse über die wohl traumatischste Epoche der USA.
Das Primat der Union: Lincolns mathematische Planung
Meyer-Teschendorf machte gleich zu Beginn deutlich, dass das Ende des Bürgerkriegs und die Präsidentschaft Abraham Lincolns einen unvorstellbaren Blutzoll forderten: Rund eine Million Amerikaner waren tot oder verwundet. Die Leitfrage des Vortrags knüpfte an die damalige Verzweiflung an: „Viele fragten sich, ob das der Preis so vieler Toter und Verwundeter wert sei.“
Dabei räumte der Referent mit einem weit verbreiteten Mythos auf: Die Befreiung der Sklaven war für Lincoln anfangs keineswegs das primäre Kriegsziel. Im Zentrum stand einzig und allein der Erhalt der Nation. Eindrucksvoll belegte Meyer-Teschendorf dies mit Lincolns berühmtem Zitat aus dem Jahr 1862:
„Mein vorzügliches Anliegen in dieser Auseinandersetzung ist, die Union zu erhalten, und nicht die Sklaverei zu erhalten oder abzuschaffen. Wenn ich die Union erhalten könnte, ohne einen einzigen Sklaven zu befreien, würde ich es tun […]“
Lincoln agierte hierbei aus einem „handfesten strategischen Interesse“. Er durfte die sklavenhaltenden, aber unionsneutralen Grenzstaaten (Border States) wie Maryland oder Kentucky nicht an die Konföderation verlieren , da sonst die Hauptstadt Washington in unmittelbarer Gefahr schwebte. Erst als sich der Konflikt zu einem mörderischen Abnutzungskrieg entwickelte, folgte Ende 1862 der grundlegende Kurswechsel. Lincoln erkannte, dass er den Süden nur besiegen konnte, wenn er dessen wirtschaftliche Basis – die Sklaverei – zerschlug.
Die „Arithmetik des Todes“ und die Emanzipationsproklamation
Der Referent schilderte eindringlich die radikale mathematische Logik, die als „Arithmetik des Todes“ in die US-Geschichte einging : Angesichts der demografischen Überlegenheit des Nordens (22 Millionen Einwohner gegen 9 Millionen im Süden) verhalf der Blutzoll letztlich der Union zum Sieg, da die Armee des Südens irgendwann schlicht „ausgeblutet“ war.
Um dieses System zu stützen, öffnete Lincoln ab dem 1. Januar 1863 die Unionsarmee für schwarze Rekruten. Rund 180.000 afroamerikanische Soldaten kämpften fortan in den Reihen des Nordens – bald nicht mehr nur für den Erhalt der Union, sondern „für die Befreiung ihrer verschleppten Schwestern und Brüder im Süden“.
Obwohl die formale Emanzipationsproklamation vom Januar 1863 rechtlich zunächst eine reine Kriegsmaßnahme war und im Moment ihres Erlasses faktisch „keinen einzigen Sklaven frei machte“ , war ihre symbolische Sprengkraft unaufhaltsam. Sie leitete das endgültige Ende der Sklaverei ein und brachte Lincoln das Charisma eines „Messias der Befreiung“ ein.
Die große Ernüchterung: Bürger zweiter Klasse
Der zweite Teil des Vortrags widmete sich der tiefen Ernüchterung nach dem Sieg des Nordens und Lincolns Ermordung. Zwar besiegelte der 13. Verfassungszusatz das offizielle Ende der Sklaverei, doch die gesellschaftliche Realität sah düster aus. Im Verständnis fast aller Weißen im Süden – und auch vieler im Norden – blieben die Befreiten „Angehörige einer minderwertigen Rasse“. Jede Form der Gleichberechtigung im politischen und sozialen Leben wurde ihnen verwehrt.
Statt des erhofften Besitz eigenen Landes mussten die ehemaligen Sklaven oft zu schlechten Bedingungen als Tagelöhner auf den alten Plantagen arbeiten. „Sie waren bestenfalls, wenn überhaupt, Bürger 2. Klasse“.
Besonders plastisch schilderte Meyer-Teschendorf den politischen Rückschlag unter Lincolns Nachfolger, dem Demokraten Andrew Johnson. Johnson tolerierte die im Süden rasch eingeführten „Black Codes“ , mit denen den Afroamerikanern elementare Rechte wie die freie Wahl des Arbeitsplatzes wieder entzogen wurden. Zwar versuchte der radikale Flügel der Republikaner im Kongress durch Gesetze und die vorübergehende Unterstellung des Südens unter Militärverwaltung gegenzusteuern, doch das System der Unterdrückung war bereits wieder tief verwurzelt.
Fazit und Dank
Klaus Meyer-Teschendorf gelang es in seinem mitreißenden Vortrag meisterhaft, die Widersprüche zwischen dem hehren Ideal der Freiheit und der bitteren politischen sowie wirtschaftlichen Realität der Nachkriegsjahre offenzulegen. Er zeigte auf, wie die Saat für die jahrzehntelange Rassentrennung und die Bürgerrechtskämpfe des 20. Jahrhunderts in genau dieser Epoche der „großen Ernüchterung“ gesät wurde.
Der langanhaltende Applaus der Zuhörer spiegelte die Begeisterung über diesen tiefgründigen und historisch fundierten Abend wider. Ein herzlicher Dank gilt dem Referenten für diesen herausragenden zweiten Teil der Vortragsreihe. (de/Ge)
